Geschichte

Die Legende

In der chinesischen Kultur tauchen oft legendäre Gründerfiguren auf. Das gilt auch für das Tai Chi Chuan. So widersprüchlich der Bezug zu historischen Quellen in den unterschiedlichen Stilen sein mag, auf die Legende der Entstehung des Tai Chi Chuan können sich alle einigen.

Demnach hat die Kunst des Tai Chi Chuan ihren Ursprung in den Wudang Bergen (Wǔ Dāng Shān 山). Dort lebte zurückgezogen der daoistische Mönch Zhāng Sān Fēng (张三丰). Vor seiner Einsiedlerhütte habe Zhāng einen Kampf zwischen einer Schlange und einem Kranich beobachtet. Die Schlange wich den Angriffen des Vogels mit kreisförmigen Bewegungen aus, so dass die Attacken ins Leere gingen. Nach einiger Zeit zog sich der erschöpfte Vogel zurück. Beeindruckt von der durch ihre Weichheit und Geschmeidigkeit  siegreichen Schlange soll er dann das Tai Chi Chuan nach dem Prinzip des Wechselspiels von Yin und Yang erschaffen haben.

Die Familienstile

Neben den in den Wu Dang Bergen praktizierten Inneren Kampfkünsten entwickelten sich seit dem 19. Jh. verschiedene Familienstile. Die bekanntesten sind der Chenstil (Chén Shì 陈式), der daraus hervorgegange Yangstil (Yáng Shì 楊式) und die sich unter dem Einfluss des Yangstils entwickelten Stile der Wu (Wú Shì 吳式) und Sun Familie (Sūn Shì 孙式). Diese Stile beziehen sich alle auf die Tai Chi Prinzipien, die in den sog. Klassischen Texten beschrieben sind. Dabei haben sich Besonderheiten in der Interpretation dieser Prinzipien entwickelt.

In den Formen des Chenstils finden sich explosionsartige Bewegungen (Fajin). Der Yangstil hingegen zeichnet sich durch zumeist langsame, gleichmäßige Bewegungen aus. Er ist weltweit der am häufigsten praktizierte Stil.

Das 20. Jahrhundert

Zwei einschneidende Ereignisse der chinesischen Geschichte, die im letzten Jahrhundert ohnehin von grossen Wirren gezeichnet ist, hatten auch nachhaltigen Einfluss auf die Entwicklung des Tai Chi Chuan.

Die Niederschlagung der Boxeraufstände (chin. Yìhéquán 义和拳 ‚Fäuste der Gerechtigkeit und Harmonie‘) durch die japanischen, US-amerikanischen und europäischen Besatzer (darunter auch das Deutsche Reich in der Provinz Shān Dōng ) führte nicht nur zum Niedergang des Chinesischen Kaiserreichs. Auch das Ansehen der Kampfkünste ging verloren, mit denen die „Boxer“ durch vermeintlich magische Kräfte gegen Granaten und Schusswaffen gewappnet sein sollten.

Später stellte Yáng Chéng Fǔ (甫 1883-1936, 3. Generation des Yangstils) den gesundheitliche Nutzen heraus und verschaffte so dem Tai Chi Chuan eine neue Legitimation.

Mao Zedong, der das Qì Gōng und die inneren Kampfkünste verbot, machte beim Tai Chi Chuan eine Ausnahme, indem er es als Gymnastik zur Förderung der Volksgesundheit erklärte. Zu diesem Zweck wurde 1956 die heute als Pekingform bekannte 24er Form entwickelt. Sie basiert auf den Bewegungen des Yangstils. Jegliche Verbindung zur Kampfkunst und damit auch zu den Tai Chi Prinzipien wurde abgetrennt.

Tai Chi Chuan im WEsten

Viele der Tai Chi Meister flohen nach der Machtübernahme der Kommunisten nach Taiwan.

So auch Zhèng Màn Qīng (鄭曼青1902-1975), der von dort aus 1964 nach New York ging.  Er gilt heute als einer der Pioniere des Tai Chi Chuan im Westen. Zhèng war bekannt für sein Können im Tuī Shǒu und der Schwertkunst. Die von ihm entwickelte 37 Kurzform ist neben der 24er Pekingform eine der weltweit bekanntesten Tai Chi Formen.

Einer seiner damaligen Schüler, Ken van Sickle, gab mehrmals Schwertseminare im DAOzentrum.

Ma Tsun Kuen

Einen ähnlichen Weg ging Ma Tsun Kuen (馬存坤 1907-1993). Auch er emigrierte 1947 nach Taiwan. Nur zug es ihn aufgrund familiärer Verbindungen 1971 nach Buenos Aires.

Meister Ma begann als Kind mit dem Training äußerer Kampfkünste. In den frühen 40er Jahren traf er einen wandernden Daoisten, von dem er Tai Chi Chuan und daoistisches Qì Gōng erlernte.

Später entschied er sich, den Yangstil als „Gefäß“ für sein Verständnis des Tai Chi Chuan zu nutzen. So gleichen die Namen der Bilder unserer Langen Form denen des Yangstils. Die Ausführungen unterscheiden sich in den Positionen und Übergängen teilweise deutlich.

Nach dem Tod von Ma Tsun Kuen führte Meister Fernando Chédel als designierter Linienhalter sein Erbe fort.

 

Buchtipps zum Thema aus unserer Bibliothek: „China im Wandel“, „Die Wilden Schwäne“, „Es gibt keine Geheimnisse“, „Sieben Schätze des Taijiquan“